02 | Staub in der Wüste
,

02 | Staub in der Wüste

Halt Stopp! Werter Leser, hier geht es zum Anfang der Geschichte: 01 | Neulich in Australien


„Was?“, flüsterte Franky. Die Sonne stand nicht mehr hoch. Er stellte eine leere Flasche neben die Anderen. Es war die Dritte. Er atmete wieder tief ein, „Der Red Ballon?“
Thomek nickte stumm. Leerte seine Flasche. „Ja, genau davon sprach er.“
„So eine verdammte Scheiße“, fluchte Franky, „nicht hier unten, bitte nicht.“ Thomek blickte finster zu Franky herüber. Beide hatten den Namen schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Dax war ein Kind, als sie das letzte Mal von ihm gehört hatten. Und der Red Ballon war schon damals mehr als ein Club um Frauen und Drogen zu kaufen.
„Thomek?,“
„Ja?“
„Lass uns rein gehen, ich brauche mehr als ein Bier.“

Drinnen servierte der Barkeeper für jeden einen doppelten Whiskey. Herr Gott, dachte Franky, als ob dieses Zeug Vergangenes ungeschehen machen könnte. Es gab diese Zeit, irgendwo zwischen Leben und Tod, Blut und Schweiß. Aber jetzt waren sie hier. Etwas anderes durfte es nicht mehr geben.
„Was denkst du?“, fragte Thomek leise.
Franky leerte sein Glas in einem Zug.

„Ich denke, wir sollten den Jungen finden, bevor sie es tun.“ Er betone »sie« besonders hart und blickte finster auf den Boden. Er wollte Thomek nicht in die Augen schauen.
„Dann hätten sie uns als weitere Belohnung. Sie werden ihn finden, das weißt du.“ Franky brauchte keine Antwort abwarten.
Thomek sprach leise. „Wir können den Jungen aber nicht aus dem Weg räumen, ich mach das nicht!“ Jetzt blickte Franky auf. Seine Miene verfinsterte sich immer mehr. „Was willst du sonst mit ihm machen?“
„Ihm helfen,“ antwortete Thomek knapp. »Irgendwie.«
„Helfen?“ Franky schüttelte den Kopf. „Wie um alles in der Welt möchtest du das anstellen?“ Thomek leerte sein Glas. Der Whiskey brannte in der Kehle. „Ich weiß es nicht, wir finden erst den Jungen. Reden mit ihm. Außerdem ist er bis hierhin gekommen ohne geschnappt zu werden. Vielleicht haben sie seine Spur noch nicht.“
Franky war mit den Worten seines alten Freundes nicht zufrieden. „Du spinnst! Wenn es nur im entferntesten stimmen könnte, was er getan hat, dann werden sie ihn jagen. Der Red Ballon wird nicht aufhören. Niemals!“
„Ja, du hast recht,“ stimmte Thomek zu, „möchtest du als Alternative dein Leben Angst haben? Und einen unschuldigen Jungen in der Wüste in den Kopf schießen?“ Seine Augen wurden größer und er formte mit seiner Hand eine Pistole und zielte auf Franky. Dieser atmete aus. „Nein, das möchte ich nicht. Ebenso wenig möchte ich als Leiche im Sand enden. Der Red Ballon weiß, dass wir hier sind. Sie wissen es!.“
Thomek nickte ihm zu. „Wir suchen ihn!“, sagte er. „Wir suchen ihn, und wir reden mit ihm. Dann entscheiden wir was passiert.“ Franky senkte langsam den Kopf und hob ihn wieder.
„Frank! Versprich es mir!“
„Ja, machen wir.“

Thomek ging in ein Hinterzimmer der Bar und holte seine Tasche. Ein alter Rucksack aus Leder. Der Barkeeper blickte ihn an und lächelte. „Ron! Wir sind morgen wieder da!“, sagte er. „Bitte sag Trudy, dass Franky Probleme mit seiner Ladung hat. Ich helfe ihm.“
„Mache ich“, sagte der Barkeeper.

Ron war ein alter Mann aus der Wüste Australiens. Er stellte nicht viele Fragen, machte seinen Job und dafür liebte Thomek ihn. Er humpelte leicht und konnte nicht mehr gut sehen, aber er konnte alte Geschichten erzählen. Ob sie stimmten, dass wusste kaum jemand. Aber die paar Rowdys und Fernfahrer, die hier durchzogen, hörten ihm gerne zu. In der Regel tranken sie ein oder zwei Bier mehr und brauchten dann ein Zimmer für die Nacht. Das hieß doppelter Gewinn und morgens gab es Frühstück. Thomek fragte Ron irgendwann mal, ob seine Geschichten stimmten, oder ob er den Leuten in der Bar einen buchstäblichen Bären aufband? Ron lachte, es war ein altes, heiseres Lachen.
»Geschichten sind wahr, solange es die Menschen glauben.«
Thomek klopfte ihm damals auf die Schulter und ließ es bei dieser Antwort gut sein. Die Wahrheit war ihm egal, Hauptsache seine Kunden lauschten weiter und bestellten eine neue Runde.

Die Sonne war fast am Horizont verschwunden. Orangefarbenes Licht füllte den Himmel. Sie liefen durch den Staub zu Frankys altem Jeep. „Ich dachte, die alten Geschichten würden uns nicht mehr einholen“, sagte er. „Ich dachte es wirklich.“
„Ja,“ Thomek stieg auf der Beifahrerseite ein. „Ich hätte dir Brief und Siegel darauf gegeben. Ich hoffe, wir machen uns umsonst Sorgen.“ Franky beugte sich zum Handschuhfach und holte seinen alten Revolver heraus. Eine Schachtel mit Munition lag daneben. Er lud den Revolver, sachte fummelte er eine Patrone nach der anderen aus der Pappschachtel und steckte sie in die Trommel. „Nur falls wir ärger bekommen.“

Thomek sagte nichts. Er wünschte sich gerade, dass er nie von Maik erzählt hätte. Die Sache verschwiegen hätte. Sich eingebildet hätte, dass er den Namen Dax nicht verstanden hätte. Aber was dann? Irgendwann wären ein paar Männer hier aufgetaucht, er kann die Fragen, die sie stellten. Und vielleicht wäre ein alter Mann mit Hut und Bart hier in der Bar abgestiegen. Ein Mann, der ruhig und kühl wirkt. Groß ist, aber nicht aussieht, als ob er ein schlechter Mensch ist. Mit so blauen Augen, dass es wehtut, ihm zu lange ins Gesicht zu blicken. Er wusste nicht mal, ob Big Daddy überhaupt noch lebte geschweige denn, wie er heute wohl aussehen würde. Aber den Hut hatte er früher immer getragen. Er hätte diesen Bastard damals erledigen können, und hat es nicht getan. Jetzt war er hier, fairer Preis für eine Sekunde zu langsam sein. Thomek schlug auf seinen Oberschenkel. Verdräng diesen grässlichen Gedanken, ermahnte er sich. Verdräng ihn!
Franky beschleunigte den Geländewagen auf der Straße und brauste in Richtung Unendlichkeit. Im Rückspiegel verloren die Lichter der Raststätte und der Bar ihre Konturen und verschwanden irgendwann ganz. Auf diesem Teil der Strecke war sehr wenig Verkehr, deshalb fuhr er schneller als erlaubt. Er kannte die Straße in und auswendig. Thomek kramte in seinem Rucksack und zuckte eine Pistole. Nicht so groß wie Frankys Revolver, dafür hatte er drei volle Magazinen mit dabei.
„Sie funktioniert noch,“ sagte er.
Franky beruhigte das. Er schaltete das Fernlicht an und die Straße lag ausgebreitet vor ihnen.
„Denkst du er, ist schon weit gekommen?“
„Er hat zwei Tage Vorsprung. Kennt sich aber nicht aus und dieser Weg führt ab hier noch etwa 2000 Kilometer nur in eine Richtung. Die wird er nicht in der Zeit geschafft haben. Und wenn doch? Drehen wir wieder um und spielen eine Zeit lang verstecken.“
Franky nickte stumm. Dennoch beschleunigte er auf 160 Stundenkilometer. Es würde ein langer Weg werden. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern rauschten sie über die Straße. Kleine Büsche, lauwarme Nachtluft und der Duft nach Meersalz flogen vorbei. Keiner der beiden Männer sagte etwas. Ja, es war eine Kurzschlussreaktion gewesen, sofort loszufahren. Und ja, es war sicherlich nicht das Intelligenteste, aber die alte Angst, war mit Ihnen ins Auto gestiegen. Es ist Jahre her, dass sie sich entschieden hatten auszusteigen und ein neues Leben anzufangen. Der Preis war hoch. Hatten sie wirklich gedacht, dass sie sich für immer verstecken können? Offenbar. Nichts war sicher, und keiner der beiden wusste, was sie tun sollten, wenn sie den Jungen hatten. Einfach abknallen und im Sand verscharren wäre eine groteske Möglichkeit. Die Schergen aus dem Red Ballon würden dennoch eines Tages hier unten, am Ende der Welt, auftauchen. Schon damals waren diese Leute so verdammt gut darin Menschen aufzuspüren. Franky und auch Thomek waren häufig genug dabei gewesen, wenn sie ein verirrtes Schaf wieder eingefangen oder im Fluss versenkt hatten. Scheiße ja, das gab es tatsächlich in der Realität. Franky hatte deshalb nie Albträume gehabt, sagte er zumindest, aber Thomek brauche fast zehn Jahre, um nicht mehr ständig daran zu denken.

02 | Staub in der Wüste

02 | Staub in der Wüste

Thomek blickte in die Dunkelheit der Nacht und sah diese alten Dämonen. Da waren sie wieder, ganz deutlich. Ein Gutes hatte das Ganze, er konnte besser abdrücken, wenn die Dämonen anwesend waren. Seine Hand war dann ruhiger. Zumindest war es früher so gewesen. Franky war mit dem Schießen meist zu voreilig, dachte nicht nach. Ja, das hatte ihm gewiss das Leben gerettet. Einmal waren er und Franky in einen Hinterhalt von den Chinesen geraten. Eigentlich hatten sie nichts gegen die Asiaten in ihrer Stadt. Sie teilten sich die Straßen fair auf. Doch irgendwer da drüben bei den anderen ignorierte diese Tatsache und gab den Befehl zu schießen. Sie waren damals zu fünft unterwegs gewesen. Sie wollten einen Lkw abholen und in die Stadt fahren, dabei kam es zu einer Schießerei. So was hatte noch keiner von ihnen erlebt. Die Kugeln pfiffen links und rechts vorbei, schlugen im Asphalt ein und zwei von ihren Männern wurden sofort getroffen. Franky war der Erste, der seinen Revolver in der Hand hatte und zurück schoss. Er war verdammt gut, zielte auf die Angreifer die im grellen Licht des Lkw vor Ihnen die Straße blockierten. Sein Instinkt leitete ihn und er schoss immer auf die Stelle, an denen er Mündungsfeuer sah. Thomek suchte erst Schutz hinter dem Lastwagen. Während Franky seine Kugeln leer schoss, er kniete auf der Straße, seelenruhig, lud nach, und weiter feuert. Erst beim dritten Mal nachladen, hatte Thomek angefangen das Feuer zu erwidern.
Der Fahrer des Lastwagens hatte bisher noch nichts abbekommen, er stieg an der Fahrerseite aus und wollte mit erhobenen Händen die Sache friedlich beenden. Einer dieser netten Burschen, sagte damals Big Daddy, als die Sache vorbei war. Einer dieser Idioten, die denken, dass so ein Überfall tatsächlich ausversehen passiert. Und mit gutem zu Reden plötzlich die ganze Sache vorbei wäre. Nein. Als der erste ihrer Männer tödlich getroffen zu Boden ging, war klar, dass es Ernst ist. Dass sich die Lage nicht mehr beruhigen würde. Und dass es wahrscheinlich Krieg geben würde.
Der Fahrer war gerade mit beiden Beinen auf dem Boden, rief etwas und winkte wild, da beendeten ein paar gut gezielte Schüsse sein Leben. Er wurde gegen den Lastwagen geworfen und sank in sich zusammen. Thomek hatte schon damals eine Halbautomatik Pistole und gab Franky groben Schutz. Keiner von ihnen hatte gezählt. Aber nach einer kleinen Ewigkeit gab es keine abfeuernden Waffen mehr auf der anderen Straßenseite. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, dass die Polizei vermutet, dass es sechs bis sieben Männer waren, die über ein Dutzend Chinesen ausgeschaltet hatten. Franky ignorierte den Artikel, Thomek nahm an, dass er versuchte die Geschehnisse der Nacht zu ignorieren. Big Daddy hingegen war stolz auf sie. Der Laster kam, wenn auch von Kugeln getroffen gut an. Drei Männer waren tot, aber deutlich mehr auf der anderen Seite gefallen. In den nächsten Monaten gab es Krieg, Big Daddy rollte seinen Groll über den Chinesen in seiner Stadt aus.

Sie sprachen nur ein einziges Mal über diese Nacht. Da sagte Franky, dass es Glück war, ihr Fahrer, hatte geistesgegenwärtig bei den ersten Schüssen, das Fernlicht eingeschaltet. Die Chinesen wurden geblendet und konnten nur auf den Laster schießen. Nicht auf die Männer die zurückschossen. Thomek beruhigten diese Worte wenig. Er hatte Angst gehabt, er war sauer auf sich, dass er so spät seinem Freund geholfen hatte. Aber sie kamen mit dem Leben aus dieser Sache heraus.

Die Gedanken waren in dieser Nacht in Australien finster. Sie fuhren die ganze Nacht. Hielten nur an markanten Punkten. Schauten nach dem orangefarbenen Ford Taunus. Fuhren durch kleine Ortschaften und Abzweigungen, die auf der Route an der großen Straße lagen. Das Land war hier überschaubar, und Autos, die hier nicht hingehörten, oder Menschen, die etwas anderes taten als die anderen, vielen schnell auf. Sie wechselten sich beim Fahren ab und redeten nicht viel. Wenn einer was sagte, dann um die Stimmung zu heitern, Anekdoten aus der Bar oder von Frankys Fernfahrten konnten ein kleines Lachen hervorbringen. Aber nach Ablenkung war keinem der Männer zumute.

Es war fast Morgen. Der Kaffe von der letzten Rast war schon kalt und die Sonne flutete den Himmel mit den ersten Strahlen. Ein paar hundert Meter voraus sahen sie etwas im Wüstensand, auf der Seite des Ozeans, funkeln. Die flachen Sonnenstrahlen wurden reflektiert und Franky erkannte als Erster, was es war. Er verringerte das Tempo, damit sie nicht daran vorbei rauschten. Und ja, da war das, wonach sie suchten.

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.