Der Klavierspieler und eine Stimme

Klavierspieler

Warum ist es, wie es ist, dass ich so viel nachdenken muss? Warum ist es so, dass ich viel an zu Haus, meine Heimat und mein Leben dort denke?
Nicht zu wissen, wo ich morgen aufwache, ist nichts Neues, ich kenne diesen Zustand und dieses Gefühl, ich weiß alles über den sauren Geschmack am Morgen. Wenn ich aufwache ist es immer so ruhig und so leer, immer kurz bevor ich einschlafe und mit Pappe im Mund aufwache ist es so laut und stark. Dann ist es das Gefühl, wenn ich verliere, denke ich.

Ich gehe in die Küche, zum Kühlschrank und öffne mir eine Flasche Bier. Ja, wenn es doch nur immer bei morgens bleiben würde, wenn es doch niemals weiter gehen würde. Verstehst du Verstand, ich meine dich, das rufe ich jeden Tag in mich, wenn das kalte Zischen der entweichenden Kohlensäure meine müden Ohren kitzelt.
Halts Maul und trinke brüllt der aufgewühlte alte Mann zurück. Wann hat er sich eigentlich eingenistet in den wilden Windungen meines brennenden Hirns? Ich weiß es nicht, ich wusste es noch nie, es interessiert mich auch nicht mehr. Ein Klavier ertönt, ich höre eine Stimme, und ich singe mit:

Die letzte Flasche ist leer, und jetzt fiel der Regen. Ich stehe auf meinem Schicksal entgegen, ich lasse alles zurück, alles und jeden, und beginne die Suche nach einem neuen Leben.

Ich trinke und spüle damit jeden schlechten Gedanken, jedes wirre Aufblühen eines rationalen Denkansatzes weg. Ich verliere und es interessiert mich genauso wenig. Ich könnte verhungern und erfrieren und würde es nicht mitbekommen. Die Menschheit könnte zugrunde gehen, ich meine so wirklich aus dem Ruder geraten und sich vernichten, ich würde einfach sitzen bleiben und aus dem Fenster schauen. Denn alles ist gut, mein Herz schlägt und Kraft durchflutet mich. Der erste Schluck, das erste Rauschen des Tages, ich weiß wie er enden wird und doch weiß ich nichts. Er wird zu Ende gehen, so wie die letzten sieben Monate einfach den Bach runter gespült worden sind. Er wird mich mit jeder Sekunde und jedem meiner Atemzüge an dich, nur dich erinnern, er wird mir dein Bild jeden Tag tiefer auf die ausgebreitete nackte Seele brennen. Welches Bild denn genau? Welche Sekunde unseres Lebens? Es ist nicht wichtig. Unwichtig.

Der Klavierspieler und eine Stimme

Der Klavierspieler und eine Stimme

Heute ist es genau sieben Monate her, du bist einfach gegangen, schreit es in meinen Verstand. Wie konnte ich dich verlieren. Eine einfache stupide Umarmung hätte damals dein Leben gerettet, meine, unsere Liebe bewahrt. Alles wäre anders geworden. Ja, wirklich alles. Ich nehme den letzten tiefen Schluck aus der ersten Flasche des Tages. Laufe durch den Müllhaufen, dreckige Wäsche ist auf dem Boden verteilt. Wie oft ich zwischen den leeren Pizzaschachteln, der verstreuten Asche und dem unzähligen Müll bin ich schon aufgewacht. Meist nackt, stinkend und völlig außerstande mich an irgendwas zu erinnern. All das nehme ich noch in mir auf, all das weiß ich, doch liegt dieses Wissen hinter einer dunklen matten Scheibe.

Der Gedankenstrom eines Wahnsinnigen beschäftigt mich. Doch weiß ich schon lange nicht mehr wo der Sinn anfängt, wo er endet und wo all das Schlechte hier seinen Ursprung hat. Ich weiß nicht mal wo es herkommt, ich glaube es war alles da, ganz plötzlich. Scheiß auf große Götter und Dämonen, shit auf die Evolution und Milliarden von Universumsjahren. Ich möchte größer sein, doch kann ich nicht mal mehr auf die Uhr schauen.

Aber seit letztem Dienstag gibt es ein wenig mehr, ein wenig Hoffnung. Diese kleine Stimme in meinem Gehirn, ich weiß nicht ob real oder durch den Alkohol herauf beschworen redet mit mir. Ich kann es nicht genau wiedergeben was sie sagt, ihre Worte verlassen meinen Verstand ebenso schnell wie ein ausgeblichener sanfter Traum früh morgens. Sie redet oft nur anteilslos und nicht zusammenhängenden Blödsinn, doch seit gestern ist sie irgendwie ernster geworden.

„Viel zu viele schlechte Menschen, viel zu wenig Mut um aufzustehen und zu fragen: wie soll es weiter gehen?“

Etwa in der Art fing sie an, ich dachte erst, ach lass mich in Ruhe, bitte, nicht jetzt, nicht bevor ich schweißgebadet und betrunken auf dem Sofa liege.

„Erbarmungslos rennen wir alle, ja du und auch ich, gegen Mauern und verbrennen uns an unseren eigenen kleinen Feuern. Das große Feuer, diese Flammen aus Angst und Hass, die uns hier überall umgeben sehen wir gar nicht. Verstehst du mich?“

Sie sprach selten direkt mich an und es machte mir in der Tat ein wenig Angst, da sie wirklich verdammt ernst klang. Sie hatte eine tiefe Stimme, und wenn sie ein Gesicht besitzen würde, hätte sie sicher mit leicht zugekniffenen geheimnisvollen Augen gesprochen.

„Wenn ein einziger Schuss etwas verändern würde, wenn ein einziger Tod wichtig genug wäre, dafür zu sterben, würdest du tauschen wollen? Dein Leben für eine bessere Welt. Los trau dich, gesteh dir endlich mal Stärke und Macht ein.“

Sie machte eine kleine Pause, ich hörte meinen Kopf rattern, den alten Denkapparat laufen und wie ich mich irgendwie in mich selbst hineinversetzen wollte.

„Nein, du willst nicht? Auch gut, dann frag nicht weiter, hör mir nicht weiter zu.“

So schnell, wie sie gekommen war, war sie dann auch schon verschwunden. Aber was hatte das zu bedeuten, ich war angetrunken, lag mit Boxershorts in meiner Badewanne, das Wasser war kalt, kein Schaum. Ich spürte mein Herz und die Seele. Alles war da, und wollte noch mehr. Alles schrie nach noch mehr Alkohol und weniger Rausch, die Stimme sollte weiter reden, sie sollte wiederkehren und mir sagen was es damit auf sich hat.

Es vergingen Stunden, endlose Tage im Dilemma meiner Seelenangst. Getränkt mit Alkohol, der Einsamkeit und etwas das sich wohl falsches Leben oder falsche Realität im richtigen Körper nennt. Ich versuchte mit dir zu reden, das Geschehene aufzuarbeiten, ich schickte dir Blumen, Karten und einen langen, von Hand geschriebenen Brief. Es interessierte dich alles nicht und ich muss damit leben. Das ist vielleicht auch besser so. Weg mit dem alten Leben, herzlich willkommen neues Denken. Platz schaffen für ein paar neue Gartenmöbel, für etwas Gemütlichkeit und dieser Stimme. Ich dachte viel an sie, was meinte sie mit ihren Worten, hatte es was mit mir zu tun? Oder mit dir? War es einfach ein Echo deiner Gedanken oder die Schizophrenie die sich in meinen Geist stahl.

Aber dann kam dieser Tag, es war wieder ein Dienstag, wie jeden Tag. Da hörte ich das Summen und das Schreien und wusste, sie kommt. Die Stimme, die in meinem Kopf redet ist wieder da und macht sich gerade bemerkbar. Sie sagte nichts, frage nicht mal wie es mir geht. Sie fing sofort mit einem lauten Monolog an. Eiferte zu einem bestimmten Punkt, die Zeit schien knapp zu sein und ich war der Richtige, zur perfekten Zeit.

„Einen Weg nach draußen, durch diesen endlosen Traum gibt es für dich nicht. Ein Gewirr von Gedanken und lebloser Intelligenz verhindert dir den Ausblick. Ich weiß nicht, was dich in den letzten Jahren bewegte hier zu bleiben, aber ich verstehe deinen heutigen Drang endlich auszubrechen aus deinem dir geschaffenen Gefängnis.“

Sie machte eine kleine Pause um Luft zu holen. Ihre Worte überschlugen sich nicht, obwohl sie schnell sprach. Jeder Satz und jeder Sinn verhielten sich überraschend klar. Ich verstand alles. Es war so klar wie ein Klavierspieler, der sanft die richtigen Tasten drückt.

„Das Argument, dass wenigstens dein Körper frei ist und umher wandern kann, ist pure Zeitverschwendung. Dir ist doch klar, dass nur ein freier Geist, wirkliche Freiheit bedeutet. Dein Körper ist nur die Marionette, die sich hin und her bewegt. Sie macht was andere sagen, sie wird gelenkt und du denkst du bist es der hier die Entscheidungen trifft.“

Alles lag wie eine Landkarte vor mir, ich wusste was geschehen musste und ich wusste wie. Der Drang nach Höherem wuchs in mir an.

„Ich erinner mich oft zurück an den Tag, an dem du eingesperrt wurdest.“

Sagte sie und fing an eine Skizze, meine Zukunft, auszubreiten und mir Schritt für Schritt zu erklären, wie ich ausbrechen konnte und wie ich all das hinter mir lassen konnte. Es dauerte Stunden, ich trank ein Bier nach dem anderen, aber mein Geist wurde nicht benommen, ich blieb nüchtern. Dann war es endlich so weit. Ich war bereit mein Zimmer, diesen Ort zu verlassen und nach draußen zu gehen. Der Regen fiel mir ins Gesicht, aber es interessierte mich nicht weiter, bald würde es aufhören zu regnen.

Julian Alexander Post
12. Mai 2010


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